Ein Atemzug im Land der Tausend Berge PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von IHH   
Montag, 17. Dezember 2007
Wir sind wegen des Festtags gekommen, wir wollen lachende Kinder sehen
Wir sind in Ruanda; im Land der tausend Berge. In der Stadt, die eine Zeit lang die Hauptstadt der Schmerzen, der Trennungen, der Tränen und der Grausamkeit war. Wir sind in Ruanda, das seit den 1880er Jahren der Reihe nach deutsche, belgische und französische Kolonie war, und während allen diesen Phasen alle Arten der Kolonialherrschaft und von Massakern erlebt hat; im Land der Tutsis und der Hutus.

Wir zweifeln nicht daran, dass sich niemand an jene Zeit erinnern will. Auch wenn die Spuren des Völkermords nicht aufhören, uns zu verfolgen, wenn wir Gasse um Gasse und Strasse um Strasse das Land von oben bis unten abschreiten, wir sind wegen des Festtags gekommen. Am Festtag hat man Freude, und gibt man Freude.

"Dass es so schnell gehen würde, hatte ich nicht erwartet"

Wir behaupten, dass wir uns nicht getäuscht haben, als wir vom Nebel befreit, die Hautstadt Kigali von unserem Flugzeug aus sehen konnten. Da war es, das grüne, über und über grüne Ruanda. Der Mufti von Ruanda, Salih Bey, begegnet uns mit seiner ganzen Wärme und Höflichkeit. "Dass es so schnell gehen würde, hatte ich nicht erwartet", sagt Salih Bey. Die Augen Salih Beys strahlen als er seiner Zufriedenheit darüber Ausdruck gibt, gerade an den Festtagen eine Organisation aus der Türkei in seinem Land zu sehen, sofort nachdem wir uns auf der Versammlung der religiösen Führer Afrikas, die gerade einmal vor einem Monat in der Türkei stattfand, kennengelernt hatten.

Die Ruander rennen scharenweise zum Islam

Der Islam in Ruanda wächst lawinenartig. Die Zahl der muslimischen Bevölkerung, die in 200 Jahren gerade 5-6% erreichen konnte, ist jetzt bei 15% angelangt. Die Ruander rennen scharenweise zum Islam. In Ruanda ist jeder mit der islamischen Gesellschaft zufrieden. Die in das Massaker verwickelten Hutus freundeten sich mit dem Islam an, um sich zu läutern, die gemordeten Tutsis, um sich zu schützen. In diesem Land mit 8 Millionen Menschen blieb die muslimische Gesellschaft die einzige, die kein Blut an den Händen hatte.

 

Die IHH hat beim Opferfest 5000 ruandischen Familien getroffen

 

Die humanitäre Hilfsorganisation IHH (TR) hat dieses Jahr in 39 von 53 afrikanischen Ländern Opfergaben-Projekte durchgeführt, und zweifellos war dasjenige in Ruanda,  eines der interessantesten und buntesten. Während unseres einwöchigen Ruanda-Programms haben wir bis hin zu den Grenzen nach Kongo, Burundi, Tansania und Uganda sieben verschiedene Regionen von vorne bis hinten durchfahren. Neben dem zentralen Opfergaben-Projekt fanden unterschiedliche soziale und kulturelle Aktivitäten statt. Während 5000 ruandisch-muslimische Familien, davon insgesamt  661 Familien von Waisenkindern, vom Opfergaben-Programm profitieren konnten, wurden landesweit 506 Schlachtungen von Opfertieren auf Teilhaberschaftsbasis und die Verteilung durchgeführt.

Ein lachendes Kind nimmt der Welt alle Düsterkeit

Mit unserem Opfergaben-Projekt haben wir in der Hauptstadt Kigali begonnen. Im größten Schlachthof der Stadt haben wir am ersten Tag 15 Stück Großvieh geschlachtet, und deren Verteilung über unterschiedliche Moscheen vorgenommen. Die Menschen machten einen freudig erregten Eindruck, als sie die Opfergaben-Geschenke von Geschwistern bekommen hatten, von deren Herkunftsland sie das erste Mal hörten, dessen Ort auf der Landkarte sie nicht einmal zeigen könnten. Diese Freude und Aufregung hatte gerade bei den ruandischen Kindern etwas ganz Besonderes.

Unterstützung für 55 Waisen durch die IHH

Waisenkinder sehen sich, so wie es in vielen Ländern der Welt ist, auch in Ruanda riesigen Problemen gegenüber. Auf Nachfrage nach den Waisen beim Assistenten des Mufti, Yusuf Ahmed Bey, erfahren wir, dass eines der größten Probleme des Landes die nach dem Krieg ohne Mutter und Vater zurückgebliebenen Kinder sind. Die Kinder sind lange Jahre in staatlich unterstützten Häusern allein geblieben. Leider konnte die Institution des Mufti über eine lange Zeit, wegen fehlender finanzieller Möglichkeiten, kein breit angelegtes Projekt in die Wege leiten. Als wir gegenüber der Institution des Mufti zum Ausdruck brachten, dass wie als IHH(TR) auch etwas für diese Kinder tun wollen, war von 55 Waisenkindern die Rede. Daraufhin entschieden wir uns, hinausgehend über die Maßnahme, den Kindern nur mit Ballons und Fleisch vom Opfertier eine Freude zu machen, für 55 von ihnen für sechs Monate alle Ausbildungs-, Gesundheits-, Kleidungs- und Ernährungskosten zu übernehmen. Dieses Verhalten wirkte bei der Institution des Mufti wie Doping. Jetzt haben die Waisenkinder in ihren Planungen für das neue Jahr eine andere Position.

Wir sind die ersten weißen Muslime, die sie sehen

Cikoba hat noch eine Besonderheit. Die Menschen hier sehen zum ersten Mal einen weißen Muslim. Ja, wir sind die ersten weißen Muslime, die sie sehen. Wir nehmen wahr, dass sie uns von oben bis unten taksieren, und die Kinder etwas zurückhaltend, aber ohne von unserer Seite zu weichen, um uns herum kreisen. Später gingen wir in Umutara in eine aus Lehm gebaute Moschee. Das Herz kocht uns über. Wir denken darüber nach, wie die Menschen, trotz der hohen Zahl an muslimischen Einwohnern, in dieser Moschee ihre Gebete verrichten. Dann fallen uns zerrissene Seiten eines Korans auf, den man aber offensichtlich penibel zu schützen versuchte. Das gibt uns zu verstehen, dass die Menschen in dieser und vielen anderen Moscheen nicht einmal einen Koran besitzen. In diesem Land des Mangels und der Armut ist dies nicht die erste Entbehrung, und auch nicht die letzte. So erfahren wir, dass die Moschee der nahegelegenen Zigge-Region wegen starker Regenfälle eingestürzt ist. In dieser und nachfolgend 20 anderen Moscheen werden unsere Hilfen von den Menschen mit Tekbir-Rufen in Empfang genommen. Sie werden nun ihre Moscheen mit den Hilfen der IHH (TR)-Stiftung für Humanitäre Hilfe in einen besseren Zustand versetzen können.

Die schönsten Gebetshymnen der Welt

Nachdem wir unser Nachmittagsgebet in der Yenza Moschee verrichteten, begann das Programm. Die erste Rede hält der Mufti. Im Anschluss sprechen wir. Während als letzter der Imam der Region spricht, hören wir aus der Entfernung Tamburinspiel. Und eine aus 12 Personen bestehende Mädchen-Gebetshymnengruppe kommt mit Tamburinen in der Hand singend auf den Moscheehof zu. Wie süß und reizend sie sind. Eben das ist der Moment, an dem die Worte aufhören, und die Zeit stillsteht. Dies sind die schönsten Gebetshymnen, die wir bisher gehört haben. Dies ist das Land, in dem die Liebe den Hass besiegt hat: Wir sind in Ruanda. Auch hier stellen diese Menschen, die zum ersten Mal weiße Muslime sehen, eine unglaubliche Aufführung und Gastfreundschaft zur Schau.

Mama Ibrahim ist für Ruanda eine große Chance

Unsere Arbeiten mit sozialen Inhalten stehen auch in Kigali nicht denen in den Regionen nach. Mama Ibrahim, oder Frau Zehra ist eine gesegnete Frau um die 50. Ihr Schaaka Frauenverein hat unglaubliche Aktivitäten, die den in Ruanda gegebenen Bedingungen trotzen. Über Behandlung und Rehabilitation von aidskranken Frauen, Vermittlung Berufsperspektiven für Frauen, bis hin zu Ausbildungsaktivitäten führen Mama Ibrahim und ihr Team dutzende Aktivitäten durch. Zur Verwendung bei diesen Arbeiten, für das unvollendete Kanalisationssystem ihrer Einrichtung, die Vervollständigung der Küchen- und Wasserinstallation, und für sonstigen dringenden Bedarf überlassen wir ihnen einen nennenswerten Geldbetrag. Zudem geben wir Projekten für Frauen-Entbindungskliniken unser Unterstützungsversprechen. Auch dieses Projekt wird in Ruanda erstmalig durchgeführt werden. Außerdem bitten sie uns darum, auch bei der Kontaktaufnahme mit den Frauenvereinen in der Türkei, zu vermitteln.

"Von nun an seid ihr unsere Gesandten"

Nach unserem kurzen, aber bedeutungsvollen, und sehr vollen Programm, machen wir uns auf den Weg nach Hause. Die Worte, die der Mufti Salih Bey sprach, als wir uns mit den Segenswünschen und der Unterstützung aller ruandischen Muslime, ob nah oder fern, in die Heimat aufmachten, klingt uns noch in den Ohren: "Jetzt haben auch wir Freunde aus der Türkei, von jetzt an seid ihr unsere Gesandten. Vergesst uns auf keinen Fall." Auch wenn es tausendfachen Kummer auf jedem seiner tausend Berge gibt, wir haben in Ruanda, in Dörfern, deren Namen niemand kennt, Freunde, die die Türkei kennen, und mit Zuneigung Gebete sprechen.
 
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